Alfred Woll - Der Mandolinenbauer

Alfred Woll Mandolinenbauer
Alfred Woll

Lieber Herr Woll, kennen Sie zufällig die Mandoline von Avi Avital?

Ja, er bringt sie regelmäßig zur Durchsicht zu mir.

Ist es eine moderne Mandoline – ist sie grundlegend neu entwickelt?

Die Entwicklungsgeschichte dieser Mandoline kenne ich nicht. Die einzelnen Konstruktionsprinzipien dieses Modells sind allgemein bekannt und keine grundlegenden neuen Erfindungen, aber die Zusammensetzung der verschiedenen Details ist etwas Einmaliges und insofern auch etwas Neues.

Ich bin auf der Suche nach einer modernen Mandoline: z.B. mit leichtgängigen Klemm-Mechaniken, mit hoher Stimmstabilität, mit einem Klang, der nicht in Richtung Gitarre geht, sondern die einen eigenen Klang hat. Selbst E-Mandolinen gibt es nur recht wenige auf dem Markt. Es entwickelt sich nichts Neues auf dem Mandolinensektor, während bei den Gitarren jedes Jahr etwas Neues herauskommt. Die Gitarrenszene lebt! Und die Mandolinenwelt…?

Die Entwicklung der Mandoline hängt davon ab, ob es eine Nachfrage gibt. Ein Großteil der (Die) Mandolinenszene ist eher konservativ.

Alfred Woll Mandolinenbauer
Alfred Woll

Ein Großteil der Mandolinenszene ist eher konservativ

Wenn ich konservativ sage, dann meine ich dies nicht im negativen Sinn, sondern im Sinne von: Bewahren – also etwas Gutes. Wenn man sich mit Klassik beschäftigt, dann heißt dies, die alte Musik wieder lebendig machen. Jazz spielen ist eher nach vorne gewandt, innovativ, explorativ – von daher ist man viel offener für etwas Neues, etwas ganz anderes. In der klassischen Mandolinenszene hat man häufig eine rückwärtsgewandte Orientierung in Richtung Klassik. Man spielt auch modern(er)e Musik, aber ich habe den Eindruck, das macht man ergänzend, weil es auch modern ist und dazu gehört, aber das Herz liegt in der Klassik. In vielen Orchestern macht man jedoch auch moderne, zeitgenössische Arrangements.

Wir hören von Caterina Lichtenberg, dass sie sich Neuem zuwenden: Caterina dem Bluegrass, Mike Marshall dem Bach. Beide lernen etwas daraus.

Das ist super, das ist auch so mein Stil und meine Empfindung. Ich selbst bin weniger in der Klassik zuhause, früher spielte ich viel Folklore: Irischen Folk, bretonische Klänge und französische Tänze. Heute mache ich auch gerne Blues und Jazziges. Ich spiele auswendig und folglich wenig Klassik.

Alle, die uns Interviews gegeben haben, sehen dies so wie Mike und Caterina. Auch Avi Avital hat sich ganz stark dem Jazz zugewandt. Ich bin als ein Suchender bei Ihnen. Darum könnte ich mir vorstellen, dass es auch eine neue Mandoline von Ihnen geben könnte, welche die Jazz-Aspekte aufnimmt.

Ich denke, es braucht keine neue Mandoline. Für jeden Musikstil gibt es bereits passende Instrumente. Wenn ich zum Beispiel etwa Bluesiges spiele, dann tue ich dies auf einer alten Gibson. Da kann ich auch schön Akkorde spielen. Für so etwas Grooviges habe ich dieses Instrument.

 

Alfred Woll Mandolinenbauer

Für jeden Musikstil gibt es passende Instrumente

Wenn ich etwas Klassisches spiele, dann spiele ich auf einer Embergher. Ich liebe historische Instrumente und spiele selbst gar nicht auf einem Instrument, das ich gebaut habe, sondern benutze „Spezialisten“. Für die Klassik hat die klassische Mandoline das geeignete Klangspektrum. Die moderne Mandoline, wie sie Seiffert entwickelt hat, würde ich als moderne klassische Mandoline bezeichnen.

Dies hat folgende Vorteile: Es ist ein Instrument, an dessen Klangbild es nicht viel zu verändern gibt. Ich kann damit romantische Musik machen, kann die klassischen Stücke spielen, und kann auch moderne Musik machen. Da ist genug Kraft und auch Aggressivität drin. Für Klassik ist dies eine gelungene Mandoline!

Für Bluegrass haben wir unsere Gibson Mandolinen, auch für Jazz. Diese sind perkussiver, wenn man so spielen will wie Mike Marshall. Für Folk ist eine irische Flachmandoline das Geeignete. So haben wir für die unterschiedlichen Genres die geeigneten Instrumente. Dies könnte man nicht in einem Instrument vereinen. Von daher sehe ich keine Notwendigkeit zu großer Veränderung. Optisch könnte man modernisieren, aber klanglich-akustisch haben wir für jede Stilrichtung gute Vorlagen.

Bei den Flachmandolinen hatte ich immer den Eindruck, sie wären vorrangig in Richtung auf preiswert produziert, um der Arbeiterbewegung zu dienen, also billig und darum flach. Auch Gibson hat Massenware produziert. Nur vielleicht ist dies ja gar nicht so, denn Sie bieten sie an und Sie bauen ja keine Billigware. Dies hat mich gewundert.

Alfred Woll Mandolinenbauer verschiedene Mandolinen
Verschiedene Mandolinen und Verstärker

Von jedem Instrumententyp finden wir billige Instrumente, schnell und grob gearbeitet, aus minderwertigem Holz hergestellt, mit schlechter Saitenlage, ungenauen Saitenabständen und schepperndem Ton. Aber den gleichen Instrumententyp kann man auch hochwertig und sorgfältig herstellen und dann macht das Spielen darauf Freude. Das letzte Instrument, welches ich für mich gebaut hatte, war eine Flachmandoline. Und wenn ich wieder eine für mich baue, dann wieder eine Flachmandoline, da ihr Klangbild sich für Folk, Blues und Jazz besser eignet als eine neapolitanische Mandoline. Außerdem stehe ich lieber auf der Bühne und da lässt sich die flache bequemer halten. Für klassische Musik gefällt mir natürlich die Rundbauchmandoline besser.

Ich habe den Eindruck, beim Flachbauch klingen die Saiten, aber nicht der Korpus. Ist das schön?

Was ist schön? Was ist ein schöner Mandolinenklang? Zeitgeist, Mode - man kann keine objektiven Kriterien an Schönheit legen. Man kann objektive Kriterien anlegen, zum Beispiel ob ein Instrument laut oder obertonreich oder grundtonorientiert ist, ob es eine lange Einschwingzeit, oder ob es einen langen Sustain hat. Die Flachmandoline kann ausgearbeitet wie bei der Gibson sein, aus einem Brettchen bestehen oder aus mehreren Spänen wie die portugiesische.

Eine Flachmandoline verfolgt eigene Klangprinzipien. Wenn ich ein irisches Stück begleite und spiele ein paar Akkorde, dann kommen die auf einer Flachmandoline besser heraus, der Ton steht mehr, das Klangbild entspricht stärker dem „Feeling“ der irischen Musik.

Eine Bauchmandoline ist anschlagsbetonter, spricht schnell an, der Ton klingt schneller ab. Eine Gibsonmandoline mit rundem Schallloch hingegen gefällt mir gut für Blues.

Ich lerne also: Sie sehen die Flachmandoline nicht nur als ursprünglich billig an.

Wenn man geschichtlich schaut, dann ist es so: In der Zeit, als die Mandoline nach Deutschland kam, da gab es eine hohe Nachfrage nach billigen Instrumenten, und in diesem Rahmen wurden auch Flachmandolinen konzipiert, weil die einfach schneller zu bauen und damit billiger zu produzieren sind.

Bei Gibson ist es wieder anders: Diese Mandoline hat eine recht aufwändige Bauform, weil Decke und Boden, wie bei einer Geige aus einem massiven Stück Holz herausgearbeitet werden.

Anlass war nicht die „Billigproduktion“ sondern ein anderes Klangideal. Da wollte man das Edle von der Geige in den Mandolinenbau hineinbringen. Ähnlich wie bei den Jazz-(Archtop)-Gitarren, die auch ausgearbeitet sind: Das gibt ein ganz anderes Klangbild als eine flache Decke mit einer differenzierten Beleistung.

Alfred Woll Mandolinenbauer verschiedene Mandolinen

Die Flachmandoline ist ein tolles Instrument

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Grund für die Flachmandoline: Billig herstellen. Die Nachfrage kam aus der Arbeiterbewegung und aus der Wandervogelbewegung der Studenten - alle hatten kein Geld. Der Mandolinenboom war gewaltig. D.h. man hatte schnell viele Mandolinen produzieren wollen. Diese Billigproduktion wurde von der Vogtländischen Musikinstrumentenindustrie erfolgreich bedient. Ein guter Klang war nicht so wichtig beim Wandern über Felder und Wiesen.

Man kann aber eine Flachmandoline auch hochwertig und aus guten Materialien bauen, dann sind dies tolle Instrumente!

Der Ursprung der Mandoline liegt in der italienischen, bauchigen Mandoline. Die neapolitanische Bauform hat einen Knick in der Decke. Die Decke wurde auch noch quergewölbt. Dadurch entsteht ein Gewölbe. Ein Gewölbe ist ein statisches Element. Da steht der Steg genau am Knick. Dadurch entsteht eine tragfähigere Decke als wenn sie nur glatt wäre.

Dieses Bauprinzip hat bestimmte akustische Eigenschaften: Es wird knackiger, diskantorientierter – dies entspricht dem damaligen Klangideal. Die Muschel, der Bauch bei der italienischen Mandoline schwingt nicht. Es ist ein eher steifes Gebilde, welches von sich aus nicht viel zum Klang beisteuert. Der Klang wir vielmehr durch die Decke erzeugt und dringt durch das Schallloch nach außen. Die Muschel soll nur den Korpus begrenzen.

Obwohl das Instrument aus ganz unterschiedlichen Materialien besteht?

Für den Klangcharakter der Mandoline hat die Holzart der Muschel nur einen geringen Einfluss und ist nicht sehr wesentlich.

Bei einer Flachmandoline kann der Boden mitschwingen. Er resoniert viel stärker als bei dem italienischen Modell. Es sind also andere akustische Parameter, die mit hineinspielen. Wenn die Decke dazu auch noch flach und anders beleistet ist, dann werden andere Klangaspekte bevorzugt oder unterdrückt.

Welche?

Jedes Bauprinzip kann man perfektionieren. So kann die Flachmandoline einen guten, kräftigen, anhaltenden Ton geben, bei dem ein Akkord stehen kann. Bei der klassischen Mandoline bricht er schneller in sich zusammen, weil sie eher anspracheorientiert gebaut ist. Bei der Flachmandoline kommt das Akkordspiel deutlicher und besser rüber.

Das sind mir völlig neue Gedanken. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass eine Flachmandoline richtig klingen kann. Sie resoniert also stärker. Die Flachbauten steigen in meiner Achtung erheblich!

„Stärker resonieren“ ist vielleicht nicht der genaue Begriff. Die Einschwingzeit ist etwas verzögert und die Ausklingzeit, der Sustain, verlängert. Außerdem beeinflussen sich die Schwingungen von Decke und Boden gegenseitig, sie sind, wie man im Fachjargon sagt: gekoppelt.  Sie haben daher etwas Perkussiveres, was zum Beispiel in der Musik, wie sie Mike Marshall spielt, genutzt wird. Er bringt viel Rhythmus ein. Die Chops zum Beispiel im Bluegrass kommen markanter rüber. Wobei die Chops immer abgedämpft werden. Das Trockene der Gibson unterstützt gerade diesen Klangeffekt.

„Das Trockene“ gehört also zum Flachbauch. Auf der anderen Seite sagen Sie: Die Flachbauchkonstruktion resoniert mehr, hat mehr Sustain, es ist besser für die Akkorde. Was heißt das? Ist es für die Akkorde besser, wenn sie länger klingen oder wenn sie gerade ganz kurz sind, damit die Klänge nicht so verwaschen werden?

Die „Chops“ im Bluegrass werden durch das unmittelbare Abdämpfen der Saiten verkürzt. Ein gehaltener Akkord wird länger klingen. In der Regel klingen die Flachmandolinen länger nach. Es gibt in der Akustik eine Einschwingzeit, das heißt, die Seite schwingt und hört irgendwann auf. Bei einem Gong schlage ich drauf, höre dann eine Zeit lang nichts und dann plötzlich wwwOOOMMM ! Das heißt ein Gong hat eine lange Einschwingzeit. Eine Mandoline kann ich bauen mit einer längeren oder kürzeren Einschwingzeit. Bei einer kurzen Einschwingzeit ist es wie bei einem Banjo: Bäng. Die hineingesteckte Energie kommt sofort wieder heraus und stirbt ab. Wenn die Einschwingzeit länger ist, dann baut sich der Ton auf, steht länger, und geht dann erst runter. Das Ohr nimmt diese Dinge als schön oder weniger schön wahr. Manche mögen Banjo, manche nicht…

Ich kann eine Mandoline bauen, die knallig ist wie ein Banjo oder so, dass sie langsam einen Ton aufbaut. Eine klassische italienische Mandoline eignet sich sehr für eine Anschlagsbetontheit, so dass der Ton keinen sehr langen Sustain hat, was zum Beispiel gut ist für ein Tremolo. Für ein Tremolo ist eine schnelle Einschwingzeit fundamental.

Sie sagen „je nach Bauweise ist die Wirkung anders – und ich kann diese Wirkung bauen“. Corrado Giacomel sagt: „Ich kann jedes gewünschte Instrument bauen, aber dann weiß ich nie vorauszusagen, wie es werden wird, weil ich dann nur auf Versuch und Irrtum aufbauen kann. Während ich bei dem einen Modell, auf das ich mich „eingeschossen“ habe, ganz genau jede Wirkung vorhersagen kann.“ 

(Corrado Giacomel ist ein italienischer Mandolinenbauer, der nur noch Flachmandolinen baut. www.corradogiacomel.it Ein Artikel ist in Vorbereitung, d.R.)

Er bevorzugt ein ganz modernes Bluegrassdesign.

Sie haben in einem Interview erzählt, Sie bauen immer zwei Instrumente zugleich. Aber auch nicht mehr. Denn Sie haben mit einem Kunden ein Klangideal abgesprochen. Und: „Ich kann eine Gibson oder eine italienische Mandoline bauen…“. Wie können Sie das in den Griff bekommen, was Sie beeinflussen wollen?

Alfred Woll Mandolinenbauer

Das ist die Kunst des Mandolinenbauers

Das ist die Kunst des Mandolinenbauers. In einem Instrument gibt es viele Parameter. Und wenn ich einen Parameter verändere, ändert sich das Ganze. So kann ich den Bass fördern, indem ich die Decke dünner mache. Für den Bass muss sich viel bewegen können. Wenn ich die Decke dünner mache, dann lässt sie sich leichter bewegen. Ich kann aber auch die Balken dünner machen, dann bewegt sie sich auch leichter. Oder ich kann ein Holz auswählen, das weicher ist, das bewegt sich dann ebenfalls leichter.

Ein weicheres Holz schwingt leichter. Ich stelle mir ein weiches Holz mehr gummiartig vor, während ein härteres berechenbar schwingt.

Im Gegenteil: Etwas Härteres ist steifer und lässt sich nicht so leicht bewegen.: Das fördert den Diskant! In einem Lautsprecher sind die kleinen steifen Membranen die Hochtöner. Die großen weichen Membranen sind die Basslautsprecher. Der Bass braucht Bewegung und große Amplitude. Der Diskant muss steifer sein jedoch  fein vibrieren können.

Dann können Sie in einem Instrument ja nur entweder den Bass ODER die Höhen optimieren.

Da gilt es immer, den Mittelweg zu finden. Man kann nicht beliebig in beide Richtungen gehen. Ich kann nicht das Optimum im Diskant und im Bass herausholen. Der gute Instrumentenbauer kann diese Bandbreite möglichst breit machen. Auf Grund von Erfahrungen weiß man etwa, wie weit man gehen kann.

Man kann also beim Bau eines Instruments nicht mit wissenschaftlicher Genauigkeit voraussagen, wie es klingen wird?

Ich mache ja auch historische Nachbauten. Von daher kenne ich viele unterschiedliche Modelle und habe Erfahrungen mit unterschiedlichsten Modellen. Wenn ich nun einen neuen Nachbau plane, dann weiß ich nicht hundertprozentig, wie das Instrument klingen wird, wenn es fertig ist, aber ich weiß: Schlecht wird es nicht. Wenn ich ein zweites Modell baue, dann höre ich beim ersten, was eventuell noch im Argen ist und kann dies dann verbessern. Da ist mir noch nichts wirklich misslungen. So bin ich gerade dabei, mit völlig identischem Holz zwei Mandolinen auszuliefern. Dennoch unterscheiden sie sich in einem Parameter. Bei zwei Instrumenten mache ich gerne ein kleines Experiment. So lerne ich dazu.

Das ist ja richtige empirische Forschung!

Wie Sie gerade erwähnt haben, hat Corrado Giacomel bei seinem Instrument fast alles im Griff und messtechnisch ausgelotet. Ich habe zum Beispiel auch einmal eine Zeit lang meine Instrumente mit Lautsprechern beschallt und geschaut, wo die Resonanzknoten liegen und Eigenresonanzen und Frequenzkurven im Computer festgehalten. Man kann mit diesen Messwerten jedoch nur bedingt arbeiten. Ein guter Instrumentenbauer hat so viel Erfahrung, dass er Materialien und Formen soweit einschätzen kann, dass er, auch wenn er ein neues Instrument baut, schon im guten Bereich liegt.

Könnte es sein, dass Ihre Erfahrung auch durch die Reparatur von Instrumenten kommt? Dass Ihnen dies viel Einsicht gewährt hat?

Das war die Hauptquelle, aus der ich gelernt habe, denn ich habe ja nie eine Lehre im Instrumentenbau (Ausbildung) gemacht.

Aber Sie haben doch die Meisterprüfung.

Ich habe mit 15 Jahren eine Lehre als Fernmeldemonteur gemacht. Ein Bestandteil davon war ein Jahr lang mechanische Grundausbildung, in der wir gefeilt, gebohrt und ganz präzises Arbeiten auf 100stel Millimeter genau eingeübt haben. Da habe ich ziemlich viel gelernt. Später wollte ich Heilpädagogik machen und bin wieder zur Schule gegangen bis zur Fachhochschulreife. Doch irgendwann hatte ich wieder Interesse an handwerklicher Arbeit und wollte eine Gitarre bauen. Da ich mit Holzverarbeitung noch keine Erfahrung hatte, habe ich ein halbjähriges Praktikum in einer Schreinerei gemacht und gelernt, mit holzbearbeitenden Werkzeugen und Maschinen umzugehen und mit einem Freund zusammen eine Werkstatt gegründet. Da war ich 24. Damals war es Mode, alternativ zu leben, was hieß, dass man sich selbst ernähren wollte. Da haben wir Kartoffeln angepflanzt und ein altes Haus gemietet. Außerdem habe ich Musik in verschiedenen Bands gespielt. Musik war ein Lebensinhalt.

Ich habe Mandoline gespielt und mir eine Mandoline zurechtgeflickt, eine Flachmandoline – die spiele ich übrigens heute noch. Das ist meine Feld-, Wald- und Wiesenmandoline. Die habe ich tatsächlich im Freien mit dabei. Es ist eine Mandriola, von der ich die tiefen Saiten heruntergemacht habe und sie nun achtsaitig spiele.

Wie haben Sie denn finanziell überlebt?

Damals hat man von fast nichts gelebt. Ein paar hundert Mark für die Miete des Hauses am Kaiserstuhl – das waren die Ausgaben. Etwas angebaut, Straßenmusik gemacht und auf diese Weise etwas verdient. Der Bau meiner ersten Gitarren hat etwa ein Jahr gedauert. Zwischendurch musste ich jobben gehen. Nach dem ersten Jahr fing ich an, Reparaturen für Musikgeschäfte zu machen.

Das haben Sie sich zugetraut. Das finde ich stark.  

Meine erste Gitarre war richtig gut. Ich habe mich geschickt angestellt…  (lacht). Mir war noch nicht klar, dass ich beruflich mit dem Gitarrenbau etwas zu tun haben würde. Ich wollte einfach eine Gitarre bauen. Da ich in der Musikerszene gut drin war, hatte ich Freunde, die ein Instrument wollten. Und für die habe ich Gitarren gebaut: Westerngitarren, Konzertgitarren, eine Bassgitarre, verschiedenen Mandolinen und einen Dulcimer.

Ein Freund und ich haben unsere Kenntnisse zusammengeworfen. Er hatte einmal ein Praktikum bei einem Gitarrenbauer gemacht und ich hatte ja in der Schreinerei gearbeitet. Learning by doing. Und nach drei Jahren habe ich das Handwerk beherrscht. Das meiste hatte ich durch Reparaturen gelernt, durch Instrumente von namhaften Meistern, wie Calace oder Vinaccia, die ich mir genau angeschaut habe. Was ich da gesehen habe, habe ich umgesetzt bei eigenen Instrumenten.

Das war Anfang der 80er Jahre. Dann ging ich auf eine längere Reise. Erst danach habe ich mich richtig auf den Instrumentenbau ausgerichtet.

Darf ich fragen, wo die längere Reise hinging? Denn das Ziel hat ja etwas mit dem Menschen und seiner Entwicklung zu tun.

Das war aus einem Impuls heraus, allein in der Welt klar zu kommen. Rucksack gepackt, losgefahren – und per Zufall kam ich nach Asien, wo ich viel unterwegs war und mit extrem wenig Geld auskam. Danach ging ich nach Australien. Dort habe ich gut Geld verdient als Möbelrestaurator. Insgesamt war ich fünf Jahre unterwegs.

Was war der eindrucksvollste Aufenthalt?

Der Himalaja. Die alte indische Klassik, die Philosophie. Dort habe ich viel meditiert. Es wurde vom Abenteuer zu einer spirituellen Lebensreise. Ich habe mich viel mit mir selbst auseinandergesetzt.


Alfred Woll Mandolinenbauer
Alfred Woll mit einer Mandoline von Embergher
Alfred Woll Mandolinenbauer

Dort habe ich viel meditiert, mich mit mir selbst auseinandergesetzt.

Als ich wieder zurück nach Deutschland kam, entstand die Frage: „Womit verdiene ich mein Geld?“ Das Instrumentenbauen hat mir damals sehr gefallen und folglich habe ich es wieder aufgegriffen.

Wenn Sie sagen: „Spirituell.“ Und: „Ich habe mich mit mir auseinandergesetzt.“ Kann man das in Worte fassen?

Ja, was soll ich im Leben tun? Wo soll es hingehen? Was ist sinnvoll? Was sind nützliche Werte? Einfach meine eigenen Wahrheiten finden.

Sie sagen „einfach“. Das finde ich keineswegs einfach. Haben Sie auch überlegt, ob Sie tibetanischer Mönch werden?

Ich habe einige Zeit in Klöstern gelebt. Denn nur von außen hingucken nützt nichts. Darum bin ich auch tiefer eingetaucht. Um Resultate zu sehen muss man sich auch auf etwas tiefer einlassen.

Ich glaube, Sie haben mir gerade etwas ganz Wichtiges gesagt mit Ihrer Geschichte des Wanderns. Sie sind richtig tief eingetaucht. Genauso sind Sie in den Instrumentenbau tief eingetaucht. Und darum ist etwas richtig Gutes dabei herausgekommen. Wenn Sie an der Spitze des Mandolinenbaus tätig sind, dann muss dies ja Wurzeln haben.

Einerseits ja, darüber hinaus liegt es ein Stück weit an dem Geschick, welches mir mitgegeben wurde. An der Gabe.

Als ich wieder von Asien zurückkam, hatte ich die westliche Gesellschaft mit anderen Augen gesehen, als zuvor, und mich gefragt, wie es hier für mich weiter gehen soll. Ich musste mich wieder eingewöhnen und dazu gehört auch ein geregeltes Einkommen.

Was hatten Sie gesehen?

Na ja, zum Beispiel die Konsumorientierung und Wegwerfmentalität im Westen. Wenn man ein paar Jahre aus dem Rucksack lebt, sieht man: Mehr brauche ich eigentlich nicht.

Als ich dann den Instrumentenbau wieder aufnahm, entschied ich mich, nur noch Instrumente aus der Mandolinenfamilie zu bauen. Denn will man eine Sache richtig gut machen, sollte man sich ihr auch ganz zuwenden.

Einer meiner Vorzüge ist, dass ich an einer Sache richtig dranbleiben kann, und diese dann auch gut und tiefgehend mache. Und wenn ich fünfmal an einer Sache gescheitert bin, dann mache ich trotzdem weiter. Ich glaube, deshalb baue ich gute Mandolinen.

Bei meinem Neueinstieg habe ich mit Karin Tiergärtner, einer Studentin von Marga Wilden-Hüsgen, zusammengearbeitet. Sie teilte mir mit, welcher Klang heute erwartet wird. Das Seiffert Modell diente mir dabei als Vorbild. 

Autodidaktisch habe ich mir später alle Themen für die Meisterprüfung angeeignet. Diese habe ich bestanden und mir damit ein Gütesiegel für die Kundschaft erarbeitet.

Marga Wilden-Hüsgen habe ich meine Instrumente gezeigt.

Marga Wilden-Hüsgen hatte das Seiffertsche Ideal?

Ich habe ihr ein Instrument nach dem anderen vorgeführt und mich so langsam an den Ton herangetastet. Das war ganz klar das Ideal der Mandoline in der heutigen Klassikszene. Als ich zur Anmeldung der Meisterprüfung drei Instrumente einreichte, die ich alle aufs Feinste bearbeitet hatte, schauten sich die Meister sie an, waren sehr zufrieden und legten sie in ihre Kästen zurück. In Wuppertal war man erst mal nicht an deren Aussehen interessiert und hat nur alle drei gespielt. Daraus habe ich gelernt, dass es dem Spieler primär auf die Akustik ankommt – nicht auf handwerkliche Feinheiten.

Ich muss verstehen, was die Leute wollen. Es geht nicht darum, dass ich ein tolles Instrument entwickle, welches mir gefällt.

Aber so können Sie ja nie ein Instrument weiterentwickeln oder ein besonders schönes Instrument herstellen!

Am Anfang dachte ich auch so. Ich hatte zum Beispiel ein modernes Design mit dreieckigem Schallloch entwickelt. Viele neue Instrumentenbauer versteigen sich darin, etwas ganz Neues machen zu wollen. Aber wenn man ein guter Instrumentenbauer sein will, dann geht es in erster Linie nicht darum, dass man etwas Neues machen kann, sondern dass man so gut sein kann, wie auch die Alten waren – dann erst gilt es darauf aufzubauen und weiter zu machen.

Das gefällt mir gar nicht. Calace oder Vinaccia haben zum Beispiel pausenlos etwas Neues entwickelt.

Ja, aber die haben das Alte beherrscht und darauf aufgebaut. Wenn man gleich loslegt und etwas Neues kreieren will und nicht in der Lage ist, das Bisherige zu beherrschen, dann fehlt etwas. Wenn ich einem Lehrling beibringe, eine Gitarre oder Mandoline zu bauen, dann möchte ich, dass er das, was der Zeitgeist gerade als gut und richtig empfindet, nachbauen kann. Denn der Geschmack ist Zeitgeist. Wenn er dies kann, dann beherrscht er sein Handwerk – und dann kann er weiterentwickeln.

Haben Sie Lehrlinge?

Nein, denn meine Werkstatt ist zu klein für einen zweiten Arbeitsplatz. Dennoch bin ich dabei, mein Wissen weiterzugeben.

Wie geben Sie es dann weiter?

Ich schreibe gerade ein Buch. Alles das, was ich einem Lehrling mitgeben möchte, beschreibe ich in dem Buch. Ich möchte meine Werkstatt nicht vergrößern, denn meine Freiheit bedeutet mir viel. Auch ziehe ich es vor, ein Instrument völlig eigenständig zu bauen und möchte nicht, dass ein anderer die Hälfte davon baut. Der Vorteil eines Mitarbeiters wäre, dass meine Kundschaft nicht so lange warten müsste.

 

Alles das, was ich einem Lehrling mitgeben möchte, beschreibe ich in dem Buch.

Im Augenblick 7 Jahre?

Ja, das ist ein Dilemma. Aber sonst könnte ich nicht mehr so arbeiten, wie ich es jetzt tue. Ich möchte meine Lieferzeit auch nicht nur über Preise regulieren, indem ich die Preise so hoch setzen würde, dass nur wohlhabende  Menschen sich meine Mandolinen leisten könnten. Das möchte ich nicht. Die Mandolinenszene besteht nicht aus den wirklich Reichen. So kam ich auf die Idee mit dem Buch.

Ich habe das Glück, dass ich schreiben und ein Buch gestalten kann. Die ursprüngliche Idee war, ein Buch zu schreiben, in welchem der Bau einer modernen, klassischen Mandoline beschrieben wird.

Also für die Seiffert-Modelle?

Für die moderne klassische Mandoline: Uli Albert, Klaus Knorr, Reinhold Seiffert oder meine Mandolinen sind ja nicht völlig identisch, aber über diese möchte ich eine „Schritt-für-Schritt-Bauanleitung“ schreiben. Gleichzeitig wollte ich einen historischen Abriss zur Entwicklung des Instruments schreiben und habe dafür als Einstieg die Entwicklung der Stahlseitenmandoline genommen, also um 1850. Wenn nämlich jemand eine moderne Mandoline bauen möchte, so muss er verstehen können, wie es zu dieser kam. Diese Entwicklungsschritte zu erkennen ist wichtig, um zu sehen, warum die heutige Mandoline so gebaut wird, wie sie gebaut wird. Dazu musste ich viel recherchieren, um die Fakten zusammen zu tragen, da es wenig bis gar keine Fachliteratur und geeignetes Bildmaterial gibt.

Beim Recherchieren erkannte ich, dass es ganz viel Wissenswertes zur Entwicklungsgeschichte der Mandoline gibt, das überhaupt nicht bekannt ist. So kam es, dass die ursprüngliche Idee einer Bauanleitung nur noch den kleineren Teil des Buches ausmacht und ich viel über die historische Entwicklung, über die Mandolinen der Vinaccias, über Embergher und Calace berichte, und wie sich die Mandoline in Deutschland entwickelt und verbreitet hat. Das Buch ist ein ideelles Unternehmen, mit welchem sich kein Geld verdienen lässt. Die Mandolinenszene ist relativ klein, verspricht also keine hohen Absätze.

Gestaltende Kunst liegt mir, ich mache das Layout und die Bildgestaltung selbst, auch die meisten Fotografien und alle Zeichnungen. Darum liebe ich das Gestalten des Buches. Ich zeichne auch viele Baupläne, was ich ja im Fachzeichnen als Fernmeldemonteur gelernt habe.

Ist das Kunstwerk hinter Ihnen auch von Ihnen?

Das ist von mir fotografiert und war ein Geschenk an meine Frau, den Rahmen machte ich aus Mahagoni.

Dann ist es ja richtig wichtig für Sie. Sie bewegen sich also in mehreren Kunstsujets. Können wir einmal in Ihre Werkstatt gehen?

 

Ich bin froh vielfältige Arbeit zu haben, dass ich viele verschiedene Mandolinenmodelle baue, auch historische Nachbauten mit edlen und kunstvollen Einlegearbeiten. Das erfordert schon richtig hohe Handwerkskunst. Außerdem mache ich sehr gerne Restaurierungen! Und wenn jemand aus der Region anruft und ein Problem mit seiner Mandoline hat, dann ist es auch schön, wenn ich das bedienen kann. So habe ich eine breite Palette. Das passt zu mir.

Warum machen Sie so wenig Späne? Meine Calace Mandolinen haben ja alle bis zu 36 Späne.

Weil es nicht so viele braucht. Es hat akustisch gesehen für dieses Modell keinen Vorteil. Was hinsichtlich des Körpers der Mandoline gewünscht wird, ist eine stabile, steife Schale, die ohne selber mitzuschwingen, gewährleistet, dass der Klang aus dem Schallloch herauskommt. Keine Frage: Ein Instrument, welche viele gekehlte Späne hat, ist einfach schön, es gefällt mir handwerklich und künstlerisch. Nur akustisch ist es für die moderne Mandoline kein Gewinn.

Früher bei Embergher oder Calace hat der Meister hauptsächlich die Oberaufsicht gehabt und selbst kaum an den Instrumenten gearbeitet. Große Werkstätten hatten bis zu fünfzehn Facharbeiter, die haben nur ganz bestimmte Tätigkeiten durchgeführt, auf die sie spezialisiert waren und die sie richtig gut gemacht haben. Die Güte eines Instruments muss nicht leiden unter einer großen Werkstatt, wie sie Calace heute noch führt.

(Zu Raffaele Calace ist ein Artikel in Vorbereitung. d.R.)

Sie schreiben verschiedentlich auf Ihrer Internetseite, ein Instrument sei „nach dem italienischen Klangideal“ gebaut. Nur bauen Sie doch gar nicht wie die Italiener! Ihre Mandolinen klingen weich und grundtönig, während die Italiener dagegen obertonreich sind.

Meine Modelle „Classico“ und „Roma“ orientieren sich  e t w a s  in Richtung Italiener. Äußerlich gleichen die beiden dem Modell „Seiffert“, aber sie sind anders beleistet. Den Unterschied höre Sie, wenn sie einen direkten Vergleich mit einem Modell „Seiffert“ anstellen. Dann hört ein geschultes Ohr eine Tendenz bei der „Classico“ in Richtung Calace und bei der „Roma“ in Richtung Embergher. Diese Unterschiede werden erreicht durch die unterschiedlichen Beleistungen.

Wie machen Sie die Beleistung und wie bewirkt diese Beleistung den unterschiedlichen Klang?

Alfred Woll Mandolinenbauer
Alfred Woll Mandolinenbauer
Alfred Woll mit einer aktuellen Calace Mandoline

Das werde ich alles in meinem Buch schreiben!

Das werde ich alles in meinem Buch schreiben! (lacht). Dort zeige ich anhand von Zeichnungen die Unterschiede. Das wird ein sehr spannendes Buch werden.

Für die Recherchen zur Entwicklungsgeschichte in meinem Buch habe ich auch einige Museen besucht, war auch in Italien in der Calace-Werkstatt und dem Embergher-Museum in Arpino. In Markneukirchen konnte ich über 60 deutsche Mandolinen vermessen. Dort war man äußerst hilfsbereit. So auch in Paris. So ein Museum hat ja ein öffentliches Interesse, dass Leute mit den Ausstellungsstücken etwas anfangen können. In München musste ich allerdings einen Stundenlohn für einen begleitenden Kurator bezahlen.

Gestatten Sie eine letzte Frage: Besitzen Sie eine elektrische Mandoline?

Ja, ich habe eine E-mandoline in der Stimmung einer Alt-Mandoline, um in lauten Sessions mithalten zu können, und mit einer zur Mandola umgebauten Böhm-Waldzither mit Tonabnehmer spiele ich gerne indische Ragas.

Vielen herzlichen Dank, lieber Herr Woll!

Alfred Woll Mandolinenbauer
Beim Großvater machte Alfred Woll erste Werkstatterfahrungen. „Mein Werkzeug hat alles seinen genauen Platz, so dass ich blind hinfassen kann und es finde.“]
Alfred Woll Mandolinenbauer
Alfred Woll Mandolinenbauer
Alle Fotos in diesem Beitrag: Copyright Dr. Thilo Fitzner

Drucken